Mein Buch: „Danke Charly“© – Leseprobe

Achtung: Dieses Buch ist noch vor der „neuen“ Rechtschreibreform geschrieben….
… und hier ist nur eine Leseprobe © veröffentlicht …

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Danke Charly

… der Anfang einer großen Leidenschaft
Erinnerungen an ein Leben mit
Nordischen Hunden

Widmung:
Dieses Buch ist unserem treuen Begleiter Charly, einem Siberien Husky, gewidmet.
Ich möchte mich mit diesen Zeilen bei ihm für die schönen Momente im Leben bedanken. Er hat unser Leben auf den Kopf gestellt und sorgte somit auch nach seinem Ableben für eine gravierende Wende – meiner großen Leidenschaft:
Die Hundezucht

©I

Ich möchte versuchen, die Geschichte unserer Hunde zu erzählen. Geschichten über nordische „Familienhunde“. Es ist eine große Anzahl von Episoden aus unserem „Hundeleben“ nicht niedergeschrieben. Kein Buch kann groß genug sein, um all die Erinnerungen wiederzugeben. Doch in meinem Herzen haben sie alle ihren Platz.
Vieles ist vergänglich – auch das Leben -, die Erinnerung nicht!
Regina Klose ©


1. Buch ©
März 1993
Ich erinnere mich an einen Zeitpunkt, an dem ich eine Lücke in meinem Leben wahr nahm. Die letzten Jahre haben wir ohne einen Hund gelebt. Der einzige Zeitgenosse war unser junger Wellensittich „Ducky“. Er war der treue Begleiter unseres Sohnes Christoph, damals 4 Jahre alt. An einem Tag im März rief mich meine Schwester an, sie habe sich einen Hund geholt. Einen 5jährigen Schäferhund aus dem Tierheim in Bad Salzuflen. Nun, dachte ich im ersten Moment, wie schön für sie. Irgendwie freute ich mich auch ein wenig, da sie doch früher immer sagte, sie wolle keinen Hund haben. Es vergingen zwei Tage, und ich wurde traurig und depressiv. Ich wollte wieder einen Hund. Ich bekniete meinen Mann so lange, bis er endlich nachgab und mich zum Unterschriftensammeln durch das Haus schickte. An keiner Haustür wurde ich abgewimmelt. Im Gegenteil. Alle Mieter waren sich einig, sie hätten nichts gegen einen Hund im Haus. Nur sollte es kein großer, schwarzer Hund sein. Warum? Weil große, schwarze Hunde allgemein böse sind. ( Welch ein Blödsinn. ) Jetzt fehlte nur noch das Einverständnis unseres Vermieters. Aufgrund der Unterschriften aller Mitbewohner dieses Hauses konnte er uns das Einverständnis nicht mehr verwehren. Wir durften einen Hund halten. Ich habe die schriftliche Bestätigung erst gar nicht abgewartet, sondern solange gebettelt, bis mein Mann endlich mit mir ins nächste Tierheim fuhr.
Der Anblick der Hunde dort stimmte mich traurig. Was waren das nur für erbärmliche Kreaturen? Ich fand keinen Hund, der mir zusagte. Entweder die Tiere waren schon zu alt, oder sie kläfften ohne ersichtlichen Grund, oder sie machten einen kranken Eindruck. Enttäuscht fuhren wir wieder heim.
Einen Tag später hielt mein Mann mein Gejammer nicht mehr aus. Er fuhr noch einmal mit mir und den Kindern in das Tierheim. Anscheinend habe ich einen Hund übersehen. Da saß gleich im ersten Zwinger ein kleiner, abgemagerter Husky, ein Auge blau, ein Auge braun. Er sah erbärmlich aus. Seine Rute war kupiert worden ( er habe einen Unfall gehabt und die Rute danach keinen Halt mehr) und wie alle Rüden war er kastriert. Sein Bauch hatte kein Fell mehr. Aber ich verliebte mich sofort in diesen Hund.
Obwohl Charly, wie wir den Husky nannten, seit zwei Monaten im Tierheim war, wollte die Tierheimleitung uns diesen Hund jedoch nicht überlassen. „Dieses Tier hat schon so viel mitgemacht“, hieß es, „Er würde zu Grunde gehen, wenn wir ihn nach kurzer Zeit wieder ins Tierheim zurückbrächten.“ Keiner hatt gesagt, daß wir das vor hatten. Aber die Leute dort blieben stur. Sie suchten nach Ausflüchten, um uns diesen Hund nicht zu geben: „Ein Husky ist kein Familienhund, er mag keine Kinder (Was für ein Quatsch) . Und er braucht zuviel Auslauf, das würde eine Familie mit Kindern gar nicht unter einen Hut bringen.“ Irgendwann ließ man uns doch endlich zu ihm. Eine Betreuerin sperrte die Box auf, der Husky stürmte heraus und sprang gleich unseren Sohn an, leckte ihm durchs Gesicht und machte ein riesen Theater. So viel zum Thema: „Er mag keine Kinder“. Für uns war die Sache klar. Wir wollten diesen Hund, ausnahmslos alle. Nach langem Reden bekamen wir Husky, Impfpaß und Übernahmevertrag gegen ein „Futtergeld“ ausgehändigt.
Charly machte überhaupt keine Probleme. Er sprang ins Auto, als wenn er schon ewig bei uns wäre. Zu Hause angekommen mußten wir ihn dann nur mit etwas Nachdruck aus dem Auto holen; er wollte nicht aussteigen. Der erste Gang war gleich über die Straße, rein in den Park. Was gab es hier für unterschiedliche Gerüche. Wir bekamen Charly von Bäumen, Sträuchern und den Rasenflächen nicht wieder weg; so schien es zu mindest. Nachdem auch er mehrmals markiert hatte, marschierten wir aufgeregt nach Hause. Ich glaube, die Kinder waren noch aufgeregter als der Hund. Nun stellte sich die erste große Frage: Was soll er fressen. Wir hatten Gründonnerstag und die Läden bereits bis Samstag geschlossen. Wir versuchten unser Glück mit einem Leberwurst – Butterbrot. Nein, er rührte es nicht an. Wir versuchten es mit dem Rest aus unserem Mittagstopf. Nein, auch etwas Warmes wollte er nicht. Wir sagten uns, er würde schon fressen, wenn er Hunger hat.
Der erste Tag ging dem Ende zu. Charly suchte die Wohnung nach einer geeigneten Schlafstelle ab. Die Nacht über lag er aber mal hier und mal da.
Der zweite Tag begann: – Karfreitag – Uns wurde im Tierheim versichert, der Hund sei stubenrein. Gut, um so größer war die Überraschung an diesem Morgen. Im Flur lagen zwei riesige, übelriechende, feuchte Hundehaufen. Auch ein Hund mit guter Kinderstube vergißt sich unter solchen Umständen schon einmal. Es war halt passiert. ….
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Nun war Charly schon einen Monat bei uns. Dank fürsorglicher Pflege hatte er sich schnell erholt. Er war zu einem vollen Familienmitglied geworden, welches wir nicht mehr missen wollten. Vor allem zu unserem Sohn Christoph baute sich da eine ganz besondere Beziehung auf. Christoph wurde zu seinem Spielgefährten Nummer Eins. Ansonsten hielt sich Charly daran, unsere Schuhe in sämtliche Einzelteile zu zerlegen. Schon bald jedoch legte sich diese üble Angewohnheit.
Es kam so langsam der Zeitpunkt, an dem Charly lernen mußte, alleine zu bleiben. Diese „Übung“ war ihm nicht besonders wohl gesonnen. Charly heulte herzzerreißend, sobald wir länger als ein paar Minuten fort waren; auch zum Leidwesen unserer Nachbarn. Ich meine, jeder Hund, der das Alleinsein erst lernen muß, fängt an zu jaulen. Aber ein Schlittenhund jault nicht, er heult. Dieses Heulen geht einem durch Mark und Bein. Es half ihm aber nichts. Charly mußte dadurch. Diese „Übung“ wiederholten wir ein bis zwei Mal pro Tag, bis nach ca. zwei Wochen bereits das Heulen immer leiser und kürzer wurde. Wir belohnten ihn danach immer mit Streicheleinheiten, lieben Worten und kleinen Leckerchen. Charly lernte schnell. Wir aber auch. Jetzt kam der Zeitpunkt, an dem er ein tiefes, durchdringendes Heulen von sich gab, sobald wir die Wohnungstür wieder öffneten. Das war seine Begrüßung. Später, sobald er einen von uns nur im Hausflur wahrnahm, drang sein Begrüßungsgeheule durch das ganze Haus.
Zur weiteren Erziehung kam nun auch das „Sitz“ und „Bleib“ und „Bei Fuß“. Die Kommandos kannte er aber schon. Nur mit dem Ausführen klappte es noch nicht so richtig. Statt „Sitz“ kam schon mal „Platz“. Und „Bei Fuß“ wollte er schon gar nicht akzeptieren, und erst recht nicht an der Leine. Es machte doch so viel Spaß, sein Herrchen oder Frauchen durch den Park zu ziehen. Doch es half auch hier nichts, er gab es bald auf. Denn wer stärker war, hatte auch ein Charly schnell bemerkt. Nach knapp sechs Wochen, die Charly bei uns war, wagten wir den Schritt, ihn ohne Leine laufen zu lassen. Wir staunten nicht schlecht, er kam auf Zuruf sofort zurück. Es bedurfte hier keinerlei Angst unserseits. Charly wußte, wo er hingehörte. Klar, auch er war neugierig, wenn seinesgleichen den Park durchstreiften. Dann allerdings half kein Rufen.
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Charly jagte wie viele Hunde auch sehr gerne Vögel und anderes Getier. So saß er auch gerne mal vor dem Vogelbauer und konnte den gefiederten Freund stundenlang beobachten. Es begann eine Hetzjagd, sobald Ducky herumflatterte und Charly in der Nähe war. So passierte eines Tages ein Unglück. Wir kamen vom ausgiebigen Spaziergang heim. Die Kinder waren müde, der Hund hungrig und durstig. Niemand hatte daran gedacht, daß der Vogel im Wohnzimmer einsam seine Runden drehte. Christoph öffnete die Tür, der Wellensittich kam im Sturzflug in seine Richtung. Ich rief noch: „Macht die Tür zu!“ Doch es war schon zu spät. Christoph ging mit dem Vogel im Schlepptau (auf dem Fußboden laufend) in Richtung Kinderzimmer. Der Hund sah, sprang und siegte. Mit einem Satz erschlug Charly unseren Wellensittich. Der Vogel war auf der Stelle tot. Alles schrie und kreischte durcheinander. Charly wußte gar nicht, was wir von ihm wollten. Er hatte sich doch nur sein Abendessen gesichert. Und nun wollte jeder ihm seine Beute wieder abnehmen. Er flüchtete mit dem toten Vogel durch die Wohnung, ließ ihn irgendwo endlich fallen. Chris bestand darauf, den Vogel zu beerdigen und fragte im gleichen Moment: „Bekomme ich jetzt einen neuen Ducky?“ Wie weh mir das tat, ihm beibringen zu müssen, daß er von nun an auf weitere Haustiere verzichten mußte.
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Die Wochen -vergingen wie im Flug. Im Sommer sollten wir erleben, wie viel Wolle ein Husky bei seinem Fellwechsel abgibt. Niemand hatte uns je gesagt, daß so ein schöner Hund fast nackt wird. Er besaß ja kaum Fell, als wir ihn bekamen. Nun war sein Fell endlich gesund und voll, schon kam er in die „Mauser“. Mein Gott, was lagen da Büschel von der Unterwolle auf dem Teppich. Man kam mit dem Staubsauger gar nicht mehr dagegen an. Mindestens zweimal am Tag erbarmte ich mich, und bürstete den Hund aus. Doch auch das half nichts. Im Gegenteil, man bekam den Anschein, daß ihm das Fell dadurch erstrecht ausging. Wir hatten uns extra einen neuen Staubsauger, so einen Klopfsauger, gekauft, damit wir gegen die herumwirbelnde und überall plazierten Wolle ankamen. Meiner Meinung nach war es ein hoffnungsloses Unterfangen. Man konnte saugen und Staub putzen, soviel wie man wollte, ein Rest blieb immer zurück. Entweder der Staubsauger hatte doch nicht soviel Kraft, oder aber es kamen immer wieder Hundehaare hinzu. Doch auch der Sommer ging zu Ende und der Fellwechsel kam zum Stillstand. Vorläufig jedenfalls. Seine Futtergewohnheiten hatte er bis dahin auch noch nicht geändert. Charly wollte immer noch kein ganz normales Hundefutter. Sicher, zwischendurch konnten wir ihn überlisten, indem wir sein „normales Hundefutter“ mit Öl oder Saucen abrundeten, Kartoffeln, Gemüse oder Reis zugaben. Doch durchschaute er uns schneller als uns lieb war. Charly leckte dann sorgfältig jedes einzelne Futterstückchen ab, wo auch nur der Anschein von Sauce, Öl, Ei oder Gemüse war. Es gab aber auch Tage, da rührte er aus Protest sein Futter nicht an. Und das ging dann über 3 – 4 Tage so. Die Kinder versorgten ihn dann heimlich mit kleinen Leckerchen, wie z.B. die Reste ihrer Butterbrote oder Äpfel. Charly schien es nichts auszumachen. Er hatte ja genug Wasser und die kleinen Leckerchen. Warum also sollte er dann sein Hundefutter fressen. Ich konnte seine Hungertouren nicht mit ansehen. Aber mein Mann meinte immer: „Wenn Charly Hunger hat, wird er auch fressen. Der Hunger treibt’s rein.“ Aber Charly belehrte ihn eines besseren: Er fraß nicht. Nach kurzer Zeit schon bekam er dann endlich wieder sein „Mittag“.
Appetit bekam er jedenfalls, wenn wir uns nach „Olderdissen“, einen Tierpark in unserer Stadt, begaben. Diese vielen Tiere, die man dort auf einen Haufen zu sehen bekam, waren für unseren Charly eine gern gesehene Beute. Nur zum Jagen kam er nicht. Es herrscht schließlich in solchen Parks Leinenzwang. Und da konnte man noch so ziehen wie man wollte, Herrchen hatte ihn fest im Griff. Was sich so ein Hund wohl denkt, wenn er so viel Beute zu sehen bekommt?: „Aber jetzt. Jetzt wird ausgiebig gefrühstückt!“
Christoph besuchte mittlerweile wieder den Kindergarten. Der Hund hatte also vormittags keinen Spielgefährten mehr. Nach getaner Arbeit im Haushalt und Büro hatte ich noch genug Zeit für Spaziergänge und Einkäufe. Selbstverständlich hatte ich nach geraumer Zeit versucht, dieses zu verbinden. Charly machte sich prima. Er lief ohne Leine besser, als mit. Er gehorchte aufs Wort. Für mich stand damals fest, ein Schlittenhund ist ein guter Freund.
Auch mit anderen Hunden verstand er sich prima. Nur eine Riesenpinscherhündin aus der Nachbarschaft machte allen Hunden im Park zu schaffen. Sie mochte überhaupt keinen von ihren Artgenossen. Egal ob Rüde oder Hündin. Die Besitzerin tat mir leid. Die Hündin konnte nur an der Leine ausgeführt werden, und wurde wegen ihrer Aggression von anderen Hunden ferngehalten. Nur eines Tages, ich ließ Charly im hinteren Teil des Parks frei laufen, rannte plötzlich diese Hündin, ebenfalls frei, auf ihn zu. Die Besitzerin lief rufend hinter ihr her. Doch alles Rufen hatte keinen Sinn. Die Hündin machte sofort Jagd auf Charly. Die gute Dame, die gegen ihre eigenen Prinzipe ihre Hündin frei laufen ließ, und ich kamen überhaupt nicht hinterher. Daß die Hündin Charly nicht einholen konnte, hatte unser Hund wohl seiner Ausdauer, Schnelligkeit und Intelligenz zu verdanken. Er schlug, was ich noch soeben sehen konnte, einen Haken nach dem anderen und trickste sie förmlich aus. Der Abstand zwischen den Hunden wurde immer größer. Ich rief nach Charly, weil ich Angst hatte, er könne über die viel befahrene Straße laufen. Aber er hörte nicht auf mich. Er war viel zu sehr damit beschäftigt, seinen Jäger abzuhängen. Irgendwann sah ich die Hunde nicht mehr. Ich lief verzweifelt im Park umher, und rief immer wieder seinen Namen. Nichts tat sich. Entmutigt ging ich nach Hause. Doch wer saß da vor unserer Haustür? Charly! Er war einfach nach Hause gelaufen und wartete nun brav auf mich. Zur Begrüßung bekam ich auch gleich ein kurzes Heulen.
Wir sollten noch schöne Jahre mit ihm bekommen. Leider zu wenige…
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Zu Ostern 1994 -besuchten wir meine Schwester an der Elbe. Ihre Familie und sie mieteten sich jedes Jahr ein bis zweimal dort ein Häuschen am Deich. Ich erinnere mich genau. Für unseren Charly war es ein schöner Ausflug, auch wenn er Angst vor Wasser hatte. Zu Hause an den Teichen im Park oder auf der Freilaufwiese für Hunde machte Charly immer einen riesigen Bogen. Da konnte sich noch so viel „Beute“ oder Spielgefährten darin tummeln. Nein, Charly war nicht mehr als ½ Meter bis zum Wasser zu bewegen. Um so ergiebiger wurde unser Osterspaziergang früh morgens an den Flößwiesen in der Elbe. Da marschierten so einige freche Enten und Schwäne über die Wiesen. Weit und breit waren keine Zäune zu sehen. Charly, der ja gerne ohne Leine lief, witterte seine große Chance auf ein ordentliches Osterfrühstück. Er begann hinter der gefiederten Beute her zu schleichen. Die Enten waren ja nicht blöde, sie liefen immer ein wenig schneller werdend in Richtung rettendes Wasser. Charly dagegen kannte sich hier gar nicht aus. Er watete, auch immer schneller werdend, durch die feuchten Wiesen. Das Wasser ging ihm schon bis über die Sprunggelenke. Aber er scheute hier das Wasser kein bißchen. Im Gegenteil, er hatte sich in den Kopf gesetzt, wenigstens einen Sonntagsbraten zu bekommen. So lief er immer schneller und setzte plötzlich zu einem Sprung an…. Enten und Schwäne können schwimmen. Diese gefiederten Freunde wußten auch noch, wo aus dem überwässerten Gras der Teich wird. Aber Charly? Nach seinem Sprung war er verschwunden. Doch plötzlich, ganz langsam tauchte mitten im Teich, umgeben von schnatternden Enten und Schwänen, ein Huskykopf auf. Er sah nach rechts, er sah nach links, drehte sich im Wasser und schwamm so schnell er konnte zurück ans rettende Ufer. Dieses Bild werde ich mein Lebtag nicht vergessen. Ganz verdutzt sah er drein. Nicht nur, daß die Jagd mißlang, zu guter Letzt war er auch noch naß, und wie. Die gefiederte „Beute“ ließ er trotzdem nicht aus den Augen. Nachdem der Schock vorbei war, lief er immer um den Teich, mal rechts und mal links herum. Die Enten und Schwäne kamen jedoch nicht mehr so schnell ans Ufer. So sahen wir dann zu, unseren Spaziergang fortzusetzen.
Nachmittags, vor unserem Heimweg, besuchten wir Cuxhaven. Am Hafen gingen wir mit unseren Hunden spazieren. Wir besuchten die Fischstände und hatten einige Mühe, unseren Husky von diesen fernzuhalten. Immerhin mochte er Fisch als Speise sehr gerne. Daraufhin änderten wir unsere Richtung und gingen mit einem Strom von Spaziergängern weiter. Hinter uns unterhielten sich einige Leute wohl über Tierschutz und Tierversuche. Ich ahnte, daß bald ein passender Kommentar zu unserem Husky fallen mußte, da dieser ja keine Rute mehr besaß. Und richtig, kaum gedacht, hieß es hinter uns: „Solche Leute müßten bestraft werden. Einen Hund so zu verstümmeln; schämen die sich nicht? Seht Euch das an, ein Husky ohne Rute. Was denken sich die Leute eigentlich dabei, dem Tier so zu schaden?“ Meine Schwester bekam diese Unterhaltung ebenso mit. Mit einem Lächeln auf den Lippen zwinkerte sie mir zu, um im selben Moment sich umdrehend unseren Husky ansah. „Du, das ist gar kein Rottweiler! Die haben uns betrogen!“ Das Lachen unterdrückend sah ich meine Schwester an. Die Leute hinter uns, die sich schnell umdrehten und nichtssagend eine andere Richtung wählten, sahen ein wenig verstört aus. Was mag wohl in den Köpfen der Leute vorgegangen sein? Nun fingen wir alle an zu lachen. Immer wieder mußten wir auch noch Jahre später über diese Äußerung meiner Schwester schmunzeln. Wir ließen uns durch üble Nachrede, wir hätten unseren Husky verstümmelt, nicht mehr aus der Ruhe bringen. Es nützte ja doch nichts, sich darüber aufzuregen, solange die Menschen in unserem Umfeld nicht begreifen wollten und konnten, daß ein Hund nach einem Unfall eventuell Gliedmaßen verlieren könnte. Bei unserem Husky war es die Rute, bei anderen Hunden waren es vielleicht sogar die Beine. ©

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„Ruf sofort den Tierarzt an, Charly hat einen Unfall gehabt. Er ist vor ein Auto gelaufen. Beeile Dich. Ich hole den Wagen.“ „Wo ist Charly? Was ist passiert? Wer ist jetzt bei ihm?“ Die Fragen sprudelten nur so aus mir heraus. Ich glaube, ich war mir überhaupt nicht bewußt, was mein Mann mir da sagte. Ich konnte es nicht glauben. Erst als ich zu so später Stunde den Tierarzt aus seiner Nachtruhe holte, wurde mir klar, was passiert sein könnte. Ich ließ nach dem Gespräch den Telefonhörer fallen, ohne zu wissen, ob er auch wirklich richtig auf dem Telefon lag, und rannte in Hausschuhen und ohne Jacke hinunter, raus auf die Straße. Da lag er. Auf der anderen Straßenseite rechts von unserer Wohnung. Blutunterlaufene Augen, am ganzen Körper zitternd. Mein Mann kniete neben ihm: „Der Mistkerl ist einfach weggefahren. Ich habe ihn gebeten, bei Charly zu bleiben, weil ich Dir doch sagen mußte, daß Du den Tierarzt anrufst!“, kam es aus ihm heraus. Mir stockten die Tränen, ich war im ersten Moment wie gelähmt. Immer noch nicht genau wissend, was eigentlich geschehen war, schickte ich meinen Mann los, das Auto endlich aus der Garage zu holen. Selbst kniete ich mich hinter Charly, um ihm den Rücken zu stützen. Warum, das weiß ich nicht. Als ich anfing, ihn anzusprechen, hob der Hund den Kopf soweit er konnte und sah mich an. Ich hatte das Gefühl, auch Hunde können weinen. Wahrscheinlich war es Einbildung, aber seine Augen wirkten, als ob auch ihm die Tränen kommen. Ich versuchte mit ihm ganz leise zu reden. Als ich ihn streicheln wollte, zuckte er zusammen. Jedesmal wenn ich meine Hand über seinen Körper gleiten ließ, zitterte er, als würde er frieren. Endlich kam mein Mann. Wir trugen ihn gemeinsam auf die Rückbank. Ich setzte mich zu ihm, streichelte und redete weiter zu ihm. Während der Fahrt zum Tierarzt, ich hatte das Gefühl, wir wären so langsam, wir kämen überhaupt nicht dort an, erzählte mir mein Mann, wie es zu diesem Unfall kam. Nachdem er sich von seinen Eltern verabschiedet hatte, ging er mit Charly in den Park auf die andere Straßenseite. Er machte ihn von der Leine los, damit der Hund wie jeden Abend seine Runden drehen konnte. Doch mein Mann ging noch einmal zum Wagen seiner Eltern zurück. Währenddessen lief Charly allein im Park herum, und erledigte seine Geschäfte. Er mußte wohl meinen Mann gesucht haben, und lief auf dem Weg zurück, von wo sie gekommen waren. Zur gleichen Zeit ging mein Mann durch einen zweiten Eingang wieder in den Park. Die beiden hatten sich verpaßt. Erschreckt durch einen Knall drehte mein Mann sich um, und sah unseren Charly, wie er von einem Auto mitgerissen wurde. Nach etlichen Metern kam das Fahrzeug trotz Vollbremsung endlich zum Stehen. Der Fahrer schien leicht alkoholisiert zu sein und zu schnell war er wohl allemal. Nach dessen Auskunft lief ihm Charly direkt vor den Wagen. Ein einziges Auto, mitten in der Nacht, und unser Hund lief genau hinein. Welch ein Paradox, wo er doch schon öfter im dichtesten Verkehr diese Straße alleine überquert hatte und dann wartend vor unserer Haustür saß. Nie ist etwas passiert. Aber in dieser Nacht, und nur ein einziges Auto auf der Straße. Ich konnte es nicht glauben.
Endlich, wir hatten die Praxis erreicht. Der Tierarzt wartete schon auf uns. Nach einer kleinen Erläuterung zu dem Unfall und einer eingehenden Untersuchung, wurde Charly an den Tropf gehängt, um seinen Kreislauf zu stabilisieren. Er befand sich in einem Schockzustand. Beruhigungsmittel wurden ihm gespritzt. Dann eine weitere Untersuchung, schließlich wurde er geröntgt. Das Warten auf die Röntgenbilder wurde zur Qual. Die Ungewißheit, wie schwer die inneren Verletzungen sein könnten. Immer wieder redeten wir beruhigend auf Charly ein. Endlich, der Tierarzt legte uns die Aufnahmen vor. Doch was war das alles. Blut im gesamten Unterbauch. Die Lunge war gerissen und bereits voll Blut. Das Herz befand sich nicht mehr an seinem Platz, es hatte sich abgesenkt und die Arterien gerissen. Es bestand wohl keine Hoffnung mehr. Doch der Tierarzt versuchte uns zu beruhigen. Er wollte die Nacht über bei Charly bleiben, um ihm sofort medizinisch zu helfen. Wir sollten nach Hause fahren und bis morgen abwarten. Doch wir wußten bereits, daß es keine Hilfe mehr gab. Ein kurzer liebevoller Abschied von unserem Charly und wir wollten zum Ausgang gehen. Da erhob sich unser treuer Freund und kroch mit all seiner letzten Kraft hinter uns her. Mein Mann legte seine Jacke in die Box und wir versuchten Charly dort wieder hinein zu bekommen. Es war nicht leicht. Der Hund wollte nicht da bleiben. Er versuchte sogar ein zweites Mal aufzustehen. Doch nun war die Tür der Box verschlossen. Und er fing leise an zu heulen.
Unser Wagen parkte direkt vor der Eingangstür, welche aus Glas war. Als ich nach meinem Gurt griff, drehte ich mich automatisch noch einmal zur Praxis um. Da sah ich, wie der Tierarzt mit einer Spritze in der Hand Richtung Box ging, in der Charly lag. Jetzt wußte ich, er würde ihn einschläfern. Weinend und wortlos fuhren wir nach Hause. Die Nacht hatten wir kaum geschlafen. Immer wieder kreisten die Gedanken um den Unfall und den Hund. Die Hoffnung nicht aufgeben, hatte ich mir die Nacht über ständig eingeredet.
Der nächste Morgen kam, das Telefon schellte. Ich traute mich nicht, den Hörer abzunehmen. Also nahm mein Mann das Gespräch an. An seinem Gesichtsausdruck konnte ich erkennen, was los war. Er brauchte es mir gar nicht erst zu sagen. Wir weinten beide. In der Nacht gegen 4.00 Uhr hatte unser Tierarzt dem Leiden unseres Hundes ein Ende gesetzt. Nun kam der nächste Schritt. Wie sollten wir es den Kindern beibringen? Wie würden sie es auffassen. Es war wohl das schlimmste Wochenende in ihrem Leben. Am ärgsten hatte es wohl Christoph aufgenommen. Er weinte erst gar nicht, was mich wieder zum Weinen brachte. Bei ihm kamen die Tränen erst viel, viel später, nachdem er sich von dem Schock erholt hatte.
An diesem Tag waren wir nicht mehr in der Lage, zur Praxis zu fahren, um Jacke und Halsband abzuholen. Erst am Montag fuhren wir hin. Nun wurde uns noch einmal genau erklärt, warum Charly’s Leben nicht zu retten war. Außer seinen Verletzungen setzte die Herztätigkeit öfter aus. Ich kann gar nicht mehr genau wiedergeben, was der Arzt uns außerdem noch alles erklärt hatte. Bald schon war alles gesagt, die Rechnung schicke man uns zu, hieß es noch.
Wir nahmen sein Halsband und fuhren heim. Heim in eine stille Wohnung, wo uns kein Charly mehr mit einem dumpfen Heulen begrüßte. Heim in eine Wohnung, die uns plötzlich so leer erschien.
Wir denken an ihn, und weinen still. ©
Danke Charly 
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